▪ Rasmus Hirthe

VitaIm Gespräch: Rasmus Hirthe mit der Kunsthistorikerin Viola Stohwasser-Gerdsen

Rasmus Hirthe wurde 1971 in Hamburg geboren.

Von 1996 bis 2004 studierte er Freie Kunst und Visuelle Kommunikation (Schwerpunkt Film) an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und erhielt dort 2004 sein Diplom.

Mit großer Begeisterung widmete er sich schon seit frühen Jugendjahren den Bereichen Kunst und Film, so dass er heute, neben seiner Tätigkeit als Künstler, Regie bei eigenen Filmprojekten führt und selbständig als Setdresser für verschiedene Filmproduktionen arbeitet.

Hirthe faszinieren die Unterschiede beider Bereiche:

„Die bildnerische Kunst ist das Einfrieren eines Momentes, die Reduktion auf das Wesentliche. Dabei ist der Künstler ganz auf sich selbst gestellt.
 Film ist Teamwork. Viele Menschen arbeiten kreativ an einem Werk. Man kann steuern, wie lange und in welcher Stimmung sich der Zuschauer ein Bild, eine Szene ansehen soll.
 Das Flüchtige des Films steht im Gegensatz zur Beständigkeit des Gemäldes.“

Seit 1996 werden Rasmus Hirthes Arbeiten regelmäßig in Ausstellungen gezeigt.

Portrait-Farbe

 

 

 

 

 

 

Rasmus Hirthe und Viola Stohwasser-Gerdsen, Kunsthistorikerin im Gespräch:

Warum „scheust“ Du die Farbe und konzentrierst Dich ganz
auf die Schwarz-Weiß-Wirkung?

Rasmus Hirthe: Für mich sind meine Bilder ja bunt.
Wenn man sich länger mit ihnen beschäftigt,entsteht eine
flirrende Farbigkeit, die jeder anders sieht. Für mich ist
die Wahl meiner Palette, oder besser ihre Konzentration,
keine Einschränkung. Ich kann mit dem Schwarz-Weiß-
Spiel unheimlich viel erreichen, dafür brauche ich keine
Farbe, und Kontraste sind eben mein bevorzugtes
Ausdrucksmittel.

Du charakterisierst die von Dir beobachteten Menschen
durch ihre Bewegungen. Interessieren Dich Gesichter mit
individuellen Zügen oder Mimik nicht für Deine Malerei?

Rasmus Hirthe: Kleine Momente erzeugen große
Stimmung. Ich beobachte Menschen auf ihren Wegen und
erkenne die Schönheit in alltäglichen Momenten. Dann
frage ich mich, wie ich diese auf meinen Bildern festhalten
kann: Welche Körperhaltung haben die Personen, wie
bewegen sie sich zueinander? Die Gesichter interessieren
mich da nicht so, das ist mir zu persönlich, deshalb male ich
sie auch nicht. Während meines Kunststudiums habe ich sehr viel Akt
gezeichnet. Meist haben die Modelle nach drei Minuten
eine neue Position eingenommen. In dieser kurzen Zeit
kann man sich nur auf die Außenlinien des Körpers
konzentrieren. Ich erkenne die Körperhaltung deutlicher als
die Mimik.

Du bist ja selbst unglaublich energiegeladen und
aktiv. Trotzdem thematisierst Du immer Menschen in
entspannten Situationen. Willst Du damit ein Angebot
vermitteln?

Rasmus Hirthe: Ich schaffe mir ja selbst Kontraste: Ich
habe immer viel zu tun, aber auf meinen Spaziergängen in
Hamburg, Berlin oder anderswo, ohne festes Ziel, lasse ich
mich treiben. Ich kann stundenlang an Plätzen, an Straßen
und in Parks sitzen und mir die Menschen und das Spiel der
Schatten anschauen. Es sind kostbare Momente, die ich in
meinen Bildern einzufangen versuche.
Und damit will ich auch den Menschen, die meine Bilder
anschauen, ein Angebot machen, einfach mal etwas
loszulassen, im Alltag zu bremsen, innezuhalten. Das
ist deshalb ein Thema für die Kunst, weil es so selten
geworden ist. Malerei und Alltag sollen ja in Beziehung
stehen, aber der Maler sucht sich gern das Besondere.

Was empfiehlst Du denn zum Abschalten?

Rasmus Hirthe: Eines meiner Bilder und einen Spaziergang
am Wasser. Für schwere Fälle einen Urlaub in der Bretagne.
Und auch Alltagsmomente können gute Stimmung
erzeugen, wenn man sie bewusst erlebt.

Klar, Du bist ein Nordlicht, eine norddeutsche Seele, ein
Hamburger Jung und hast schon deshalb eine Affinität zu
Elbe und Meer. Was fasziniert Dich aber so besonders am
Watt?

Rasmus Hirthe: In meinen Wattbildern versuche ich, das
Magische des Watts einzufangen.
Bei ablaufendem Wasser haben wir oft einen dünnen
Wasserfilm unter den Fü.en, der den Himmel
widerspiegelt. Ein riesengroßer Spiegel. Wir sehen
eigentlich nur Himmel – und natürlich die anderen
Menschen, die auf ihrer eigenen Reflexion stehen.

In Deinen Bildern scheint ja alles spontan und zufällig, aber
stecken dahinter auch kompositorische Überlegungen?

Rasmus Hirthe: Ich beobachte viel und merke mir die
Momente, die mich besonders positiv berührt haben. Für
meine Bildkompositionen stimme ich dann die Personen
und ihre Umgebung aufeinander ab, so dass die von mir
gewollte Atmosphäre entsteht.

Du erreichst die expressive Wirkung durch den
konsequenten Einsatz von Hell und Dunkel. Was findest Du
denn so spannend am Schattenwurf?

Rasmus Hirthe: Durch Schatten entsteht Licht und genau
das versuche ich einzufangen, ohne dabei den blauen
Himmel oder die gelbe Sonne zu malen. Erst durch den
Schatten wird eine Lichtrichtung definiert. Ich will Schwarz
zum Leuchten bringen, Nähe und Weite zeigen. Schatten
sind außerdem wichtig für die Perspektive und um die
einzelnen Menschen in einer Gruppe zueinander zu bringen.
Ich gestalte den Schattenwurf so, dass ich damit die von
mir gewünschte Bildwirkung erreiche.
Der Mensch wirkt über seinen Körper hinaus, hat eine Aura.
Diese ist schwer zu fassen. Anders der Schatten: Gerade
wenn die Sonne tief steht, nimmt dieser spielerischtanzende
Ausmaße an und erstreckt sich weit in die Umwelt.

Warum malst Du auf Kaffeesäcken?

Rasmus Hirthe: Ich liebe den Hafen und die Schiffe. Vor
Jahren bin ich auf meinen Streifzügen in den großen
Kaffee- und Kakaospeichern auf dieses Material gestoßen.
Die Jutesäcke sind oft grob und ungleichmäßig hergestellt,
häufig mit doppelten Fäden gewebt. Aufgespannt auf
Keilrahmen und grundiert, ergeben sie genau den ruppigen
Malgrund, den meine Bilder brauchen.
Außerdem waren die Bilder so schon mal auf dem Meer.

Kein Künstler verrät sein „Kochrezept“, aber kannst Du
Deine Technik umreißen?

Rasmus Hirthe: Ich male meine Figuren, Schatten und
Spiegelungen im Negativ. Das heißt, ich male das Weiß,
nicht das Schwarz. Ich lasse die Figuren frei. Dies bedarf
einiger Planung. Meist male ich meine Bilder nach der
Skizze von oben links nach unten rechts.
 
„Der Wille des Malers zur Kunst“ ist ein Mythos der
Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts und galt als
Voraussetzung für das Schaffen qualitätvoller Bilder. Was
treibt Dich denn zum Malen?

Rasmus Hirthe: Den Malprozess empfinde ich als etwas
sehr Meditatives. Ich arbeite intensiv, bin ganz bei der
Farbe und Vorlage. Der Malprozess ist eine Freude.
Diese sollen die Menschen, die sich meine Bilder an die
Wand hängen, auch spüren. 
Viele meiner Bilder sind ein Fenster zum Meer.
Ich versuche, die Gefühle einzufangen, die ich selbst habe,
wenn ich am Meer bin: Fernweh, diese leichte Melancholie,
beides aber im Positiven. Diese Zufriedenheit durch die
klare Reduktion der Landschaft auf den Horizont-Strich.
Weniger Landschaft ist nicht möglich.